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Meditation und Prävention

 

Empirischen Sozialstudien zufolge erleben wir derzeit eine massive Verschiebung der Lebenswerte. Dabei zeichnet sich folgender Trend ab: Menschen suchen zunehmend aktiv nach sinnvolleren und umwelt- und sozialverträglichen Lebensformen. Materieller Wohlstand tritt hinter dem Ziel zurück, sinnvolle Arbeit leisten zu wollen, bei der man sich wohl fühlt. Lebensqualität wird weniger an materiellen als immateriellen Werten gemessen. Deutlicher Ausdruck dieses Wertewandels zeigt das Interesse an praktisch erfahrbarer Spiritualität. Dazu zählt die enge Verbindung zwischen Spiritualität und Meditation. Der Gesundheitssoziologe ANDRITZKY (1998), stellte bereits vor 20 Jahren fest, dass „etwa ein Drittel der Bevölkerung spirituellen Wirkungszusammenhängen (auf gesundheitlichem Gebiet und generell) gegenüber empfänglich ist.“

Während sich das reale Arbeitsleben ebenso wie das private Leben in immer schnellerem Tempo beschleunigt, sucht der Mensch demnach gleichwohl einen Sinn in seiner Arbeit und für seine Existenz, Entschleunigung, Verlangsamung, Stille. Nicht nur die Arbeitsintensität und die Anforderungen steigen, auch die Belastungen und Erkrankungen, sowie nicht zuletzt die Kosten für die Behandlung betriebs- oder berufsbedingter Erkrankungen explodieren. Daher lohnen sich für Unternehmen Investitionen in Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) und Prävention. Der Return on Investment (ROI) wird vom Bundesverband der deutschen Betriebskranken-kassen (BKK) mit einem Verhältnis von 1:3 beziffert, was dieses Instrumen-tarium als ökonomisch sehr effektiv ausweist. 

 

Verbindet man die ökonomischen Überlegungen mit den Erkenntnissen der Meditationsforschung kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass Meditationsübungen wirksame betriebliche Präventionsmaß-nahmen sind. Anders als in östlichen buddhistischen Ländern, in denen Meditation gesell-schaftliche Normalität ist, steckt die Entwicklung in Europa, bzw. Deutschland noch in den Kinderschuhen. Während es in Japan beispielsweise keine Seltenheit, ist, das die Beschäftigten in der Mittags-pause eine Stunde meditieren und Zen-Schulungen für Manager und Führungskräfte in ca. 50% der Unternehmen an der Tagesordnung sind, hapert es bei uns an der Umsetzung. Spitzenkräfte aus Politik und Wirtschaft werden erst dann aktiv, wenn sich massive gesundheitliche Probleme be-merkbar machen. Erst spät, nach einem Burnout, bei Depressionen oder Stressbedingten Erkrankungen  werden sie wach und ändern ihren Arbeitsstil. Mit Meditation kommen sie häufig durch einen Klinikaufenthalt in Berührung. 

 

Darauf basieren häufig Änderungen in der Unternehmens- Personal- und Gesundheitspolitik. Das vielzitierte Human-Ressort-Management der Jetztzeit erinnert an den von Maslow geprägten Begriff des „Human Potentials“.Demnach besitzt der Mensch neben den bekannten biologisch-materiellen Bedürfnissen nach Überleben, Nahrung, Schutz und Sicherheit etc. soziale Bedürfnisse wie diejenigen nach Beziehungen, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Liebe, Zugehörigkeit, sowie solchen, die über solche, die über das eigene Interesse und die individuelle Existenz hinausreichen, wie das Bedürfnis nach Wissen, Sinnerfahrung, ästhetischem Erleben, kreativer Tätigkeit und religiöser Erfahrung; zu ihnen gehört vor allem auch das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

 

Im Rahmen gegenwärtiger Change-Prozesse und fortschreitender Digitalisierung diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen stellt eine große Herausforderung dar. Gesundheit von Körper, Geist und Seele, im Sinne der Ottawa-Charta der WHO fördern zu wollen, erfordert es innerbetrieblich Erfahrungsprozesse zu initiieren und Strukturen zu implementieren. Das ermöglicht den Mitarbeitern Widerstandsressourcen auszubilden. Nach FRESE (1985) sind RessourcenHilfsmittel, die es der Person erlauben, die eigenen Ziele trotz Schwierigkeiten anzustreben, mit Belastungen besser umzugehen und unangenehme Einflüsse zu verringern. Empirische Ergebnisse zeigen, dass die Gesundheitsbeeinträchtigende Wirkung von Stressoren durch die Verfügbarkeit von personalen und situativen Ressour-cen gemindert wird oder gar nicht entsteht ANTONOWSKI (1997).

 

Ganzheitliche und sinnhafte Aufgaben, vielfältige Anforderungen, transparente Informations- und Kommunikationsstrukturen gelten als Schutzfaktoren. Sie fungieren als Puffer im Umgang mit Belastungen. Verhaltensprävention setzt durch Stressmanagement, Kompetenz-, Entspannungs- und Meditationstraining, Qualifizierung oder Schulung auf die personelle Veränderung, während Verhältnisprävention durch Arbeitsplatzgestaltung, Belastungsabbau, Pausenänderung, Erhöhung der Handlungsspielräume und Verbesserung des Kooperationsklimas auf die Arbeitssituation abzielt. Innerhalb betrieblicher Gesundheitszirkel können Entspannungsverfahren, wie Meditation oder Yoga, in Stressmanagement- Programme integriert werden.

 

Mehr als ein Drittel der Bevölkerung zeigt sich gegenüber spirituellen Wirkzusammenhängen aufgeschlossen, Krankenkassen haben Meditation in ihren Präventionskatalog aufgenommen, Unternehmer lassen ihre Führungskräfte in die Geheimnisse der Meditation einweihen. Das heißt, sie warten nicht ab, bis der Einzelne an seinen Arbeitsbedingungen erkrankt und krankheitsbedingt ausfällt, sondern bieten ihren Beschäftigten Präventions-angebote zum Erhalt und Ausbau ihrer Gesundheit. Es versteht sich von selbst, dass Meditation im Rahmen von Präventionsmaßnahmen betrieb-licher Gesundheitsprogramme nicht primär dem Erreichen spiritueller Ziele sondern dem Aufbau von Gesundheitsressourcen und der „Gesundheit“im Allgemeinen, dient. Kontinuierliches Meditationstraining ist dazu angelegt, die Persönlichkeitsentwicklung, Konzentrationsfähigkeit, Leistungsfähigkeit, Kreativität, Zufriedenheit am Arbeitsplatz, Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und Achtsamkeit fördert.

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